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Wort zum Sonntag von Pfarrer Mario Huhn

Lebensschwellen der Liebe

Es tut gut, den Übergang von einem Jahr zum anderen zu erleben, auch als heilsame Unterbrechung in einer langen Kette von Tagen. Die Zeit „zwischen den Jahren“ ist für die meisten Menschen eine der wenigen wirklich ruhigen Zeiten im Jahr. Sie wird als Erholung vom Alltag wahrgenommen. Der Jahreswechsel ist eine besondere Schwelle auf unserem Lebensweg. Wenn ich auf das Jahr 2021 zurückblicke, dann sehe ich auf Momente, in denen ich als Pfarrer an Lebensschwellen mit anderen Menschen gestanden habe. Ich erinnere mich an Taufen: Aus einem Paar wird eine kleine Familie. Ich erinnere mich an Konfirmationen: Das Kind wird erwachsen. An Trauungen: Zwei Menschen schließen sich vor Gott fester zusammen. Ich denke auch an Bestattungen, die wir hier auf unseren Friedhöfen begehen mussten. Der Jahreswechsel als Lebensschwelle. Er ist bei vielen Menschen emotional geladen. Wir blicken zurück: Wo ist die Zeit geblieben? Was habe ich geschafft? Was habe ich erneut versäumt, zu tun? Was kommt mir entgegen, was möchte ich gerne loslassen? Unsere Zeit ist kostbar. Am Silvesterabend tritt das besonders in Bewusstsein. Und in vielen Menschen steigt die Frage auf: Wie steht es um Gottes Beziehung zur Welt, um seine Treue in meinem Leben? Spiele ich für Gott eine Rolle? Ich glaube, die Treue Gottes kann nicht bewiesen oder demonstriert werden. Ebenso wenig, wie man die Liebe unter Menschen beweisen kann. Und doch ist dieser Gott für uns. Davon lese ich, sobald ich die Bibel aufschlage. „Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein?“ (Römer 8, 31ff), ruft uns Paulus heute entgegen. „Christus Jesus ist hier, der gestorben ist“, sagt Paulus im Römerbrief. Gott hat das Leben von uns liebessehnsüchtigen Menschen geteilt. Seine Sehnsucht zu uns hat uns überholt. Er hat selbst den Lebensweg eines Menschen beschritten – von der Krippe bis zum Kreuz. Gott hat sich in Jesus Christus an uns verschenkt, damit wir befreiter leben. Das verstehe ich unter Treue Gottes: Nichts und niemand kann mich von der Liebe Gottes trennen, weder Tod noch Leben, weder die Zerbrechlichkeit meine Existenz noch meine Sehnsucht nach Jugend und einem erfüllten Leben, weder Engel noch Gewalten, weder die Schlagzeile dieser Tage noch die Angst, dass mein Schutzengel nicht auf mich aufpasst, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder was heute noch was morgen groß und wichtig erscheint, weder Glückssträhnen noch Desaster, noch ein Mensch, nicht einmal ich selbst. Das verstehe ich unter „Treue Gottes“. Gott spricht: Immer und überall bin ich bei dir. Immer wenn du dich fragst, ob ich dich noch liebe, bin ich in Wirklichkeit näher, als du es fassen kannst. Ich bin mit dir auf deinem Weg. Ich gehe auch mit dir in das neue Jahr. Meine liebenden Hände führen dich. Durch mich an deiner Seite ist jede deiner Lebensschwellen eine Lebensschwelle der Liebe.
Einen gesegneten Jahreswechsel wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Mario Huhn
 

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